Working Mom: „Ich musste die Zeit absitzen, weil der Chef Teilzeit doof fand“

Das heutige Interview aus der Working-Mom-Reihe ist mit Isabel*, 40 Jahre alt und Mutter von 2 Kindern. Ursprünglich war Isabel als Kinderbuchlektorin in einem Verlag als Vollzeitkraft tätig. Ihre neue Rolle als Mutter wurde ihr beruflich immer wieder zum Verhängnis. Als Konsequenz hat sich Isabel beruflich neu orientiert und arbeitet heute als Lehrerin, hat einen 450-Euro-Job und ist nebenberuflich als Lektorin tätig. Aus eigener Erfahrung weiß sie, dass Arbeitgeber häufig mit rechtlich unzulässigen Kündigungen durchkommen, denn der Stolz hält viele Mütter ab, gegen die Ungerechtigkeit vorzugehen. 

Working Mom: Ich musste die Zeit absitzen, weil der Chef Teilzeit doof fand © depositphotos

Janina: Du bist nach der Geburt deiner 1. Tochter sehr schnell wieder in Vollzeit arbeiten gegangen, während dein Mann zuhause geblieben ist. Das war vor zehn Jahren! Wie hat euer Umfeld darauf reagiert?

Isabel: Witzigerweise wurde ich von vielen Seiten gefragt, was ich den arbeiten würde, dass ich so schnell wieder anfangen muss. Keiner ist davon ausgegangen, dass ich arbeiten WILL … Dabei war das wirtschaftlich sowieso die richtige Entscheidung, da mein Mann damals nur Teilzeit gearbeitet hat und weniger verdient hat als ich.

Janina: Ein halbes Jahr nach deinem Wiedereinstieg erhieltst du die betriebsbedingte Kündigung. Normalerweise gibt es Spielregeln, an die sich jedes Unternehmen halten muss. Wie wurde dir das kommuniziert und was hast du dann unternommen?

Isabel: Das war ja nach der Elternzeit mit meiner zweiten Tochter. Mein Chef hat mich morgens gleich in sein Büro bestellt und mir mitgeteilt, dass der Verlag sich verkleinern müsse und leider vor allem in meinem Bereich gespart werden müsse und er mir darum leider kündigen müsse …
Ich saß dann erst einmal eine Weile in meinem Büro und konnte gar nichts machen. Ich war wie vor den Kopf geschlagen. Dann habe ich meinen Mann angerufen und meiner besten Freundin eine Mail geschrieben. Und dann meinen Vater gefragt, ob er einen Anwalt für Arbeitsrecht kennt.

Janina: Wie hat sich das für dich angefühlt und wieso hast du keinen Einspruch eingelegt? Wäre es finanziell nicht interessant gewesen, lieber eine Abfindung anzustreben, statt die Kündigung zu akzeptieren?

Isabel: Für mich ist eine Welt zusammengebrochen. Dieser Verlag war mehr als mein Arbeitsplatz. Ich habe dort direkt nach dem Studium angefangen, mich über Volontariat und Lektoratsassistenz „hochgearbeitet“. Ich hatte (und habe bis heute) viele enge Freundschaften mit Kollegen geschlossen. Und ich habe schlicht nicht damit gerechnet. Schließlich war ich in dieser Zeit die zweit-dienstälteste Lektorin!
Ich habe dann mit der schriftlichen Kündigung in der Hand (bei der mir eine Abfindung angeboten wurde) einen Anwalt für Arbeitsrecht aufgesucht und ihm die Situation geschildert. Er hat mir sehr klar kommuniziert, dass ich, wenn ich denn wollte, sehr sehr gute Chancen vor dem Arbeitsgericht hätte, da ich nach sozialen Gesichtspunkten nicht betriebsbedingt hätte gekündigt werden können, da es eben mehrere Kolleginnen gab, die nach mir angefangen hatten, die keine kleinen Kinder zu Hause hatten und die denselben Arbeitsbereich hatten wie ich. Aber ganz ehrlich: Das wollte ich dann auch nicht. Ich hab ja auch meinen Stolz 😉 Wir haben trotzdem eine Klage angestrebt, da die vorgesehene Abfindung nach den üblichen Gesichtspunkten viel zu niedrig war. Ich habe dann im Endeffekt das Doppelte des ursprünglichen Angebots bekommen und man hat sich, wie man so schön sagt, außergerichtlich geeinigt …

Janina: Im Arbeitsleben gilt häufig nur der als fleißig, der früh kommt und spät geht. Wie kam es dazu, dass du im anschließenden Job Vollzeit arbeiten MUSSTEST und dann nichts zu tun hattest?

Isabel: Tja, wenn ich das mal wüsste … 😉 Es war irgendwie ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren. Der Chef in dem neuen Verlag war selbst noch nicht sehr lang in dem Haus – er war von der Geschäftsführung eingesetzt worden, um den bereits schwächelnden Verlag zu pushen. Und zu seiner Vorstellung von einer funktionierenden Firma gehörten wohl keine Teilzeitkräfte … Gleichzeitig wurde aber beschlossen, dass der Bereich, für den ich eingestellt worden war, nur in abgespeckter Form weiterzuführen, weil er sich als nicht lukrativ genug herausgestellt hat. Und so saß ich da mit Arbeit für 75% und musste aber 100% „absitzen“, damit der Chef seinen Willen kriegte. Eine sehr unangenehme Situation!

Janina: Wie siehst du das Vorurteil, dass man in Teilzeit keine „richtige“ Stelle bzw. Verantwortung übernehmen kann? Ist es dir schon mal passiert, dass man dich wegen deiner verringerten Stunden beruflich übergangen hat?

Isabel: Ich muss ehrlich sagen, dass ich das nicht nachvollziehen kann. Meiner Erfahrung nach arbeiten Teilzeitkräfte genauso effektiv wie Leute, die dauernd anwesend sind. Sie tendieren ja sogar eher dazu, Kaffeepausen oder ähnliches kurz zu halten, um in ihrer Präsenzzeit möglichst viel zu schaffen. Auch das Argument, dass man dann ja nicht ständig ansprechbar ist (was ja auch sehr gerne als Argument gegen Homeoffice herangezogen wird), zieht meines Erachtens nicht. Niemand ist nicht ersetzbar, kaum eine Entscheidung kann nicht einen halben Tag warten, und wenn doch, wenn es wirklich so dringend ist, dann hat auch eine Teilzeitkraft ein Handy …
Wegen der verringerten Stunden vielleicht nicht, aber in meiner zweiten Schwangerschaft gab es mal einen Vorfall, bei dem es um eine Umstrukturierung ging und ich mir bis heute sicher bin, dass ich da eine andere Position bekommen hätte, wäre ich nicht schwanger gewesen … Außerdem konnte ich eine angebotene Stelle (als ich im Anschluss an meine Arbeitslosigkeit selbständig geworden bin) nicht wahrnehmen, weil die Firma die Stelle nicht in Teilzeit besetzen wollte, obwohl ich genau diese Arbeit als „feste Freie“ in Teilzeit erledigt hatte …

Janina: Wenn nach einer Fusion alle Teilzeitkräfte aka Working Moms gekündigt werden, wie du es erlebt hast, dann frage ich mich schon, ob der Begriff Fachkräftemangel nur für Vollzeitkräfte gilt?

Isabel: Es ist schon krass, wie viel Fachwissen durch diese Politik vergeudet wird. Ich meine, wir Mütter haben doch alle eine Ausbildung hinter uns, haben studiert, haben Berufserfahrung. Das geht ja nicht alles mit der Geburt eines Kindes verloren! Stattdessen kommen neue Kompetenzen dazu – gesteigerte Multitaskingfähigkeit zum Beispiel 😉 Man sollte da mal eine Studie durchführen …

Janina: Beruflich bist du heute glücklich und ausgelastet. Dennoch meine Frage: Findest du es angebracht, dass du als Akademikerin mit mehr als 15 Jahren Berufserfahrung 3 Jobs machen musst, um ein gewissen Einkommen zu erzielen?

Isabel: Gut, ich muss dazu sagen, dass ich mit meinen drei Jobs einen zeitlichen Arbeitsumfang von 50-70% habe. Allerdings stellt man sich natürlich schon was anderes vor, wenn man einen Magister-Abschluss macht … Reich wird man als Geisteswissenschaftler ja eh nicht. Und wie du schreibst: Ich bin glücklich mit meiner momentanen Situation. Es war ein steiniger Weg, den ich mir so nicht ausgesucht hätte. Aber er hat mich an eine schöne Stelle meines Lebens geführt. Für meine Töchter wünsche ich mir diese Erfahrungen allerdings nicht 😉

Janina: Vielen Dank für deine Perspektive, ich wünsche dir alles Gute für Familie und Beruf!

Isabel: Ich danke dir für deine Fragen und die Chance, meine Geschichte zu teilen!

*Name wurde geändert

Weitere Interviews aus der Reihe Working Mom: 

Working Mom oder Mobbing Mom? Gibt es den Fachkräftemangel nur in Vollzeit oder warum ignorieren die Firmen gut ausgebildete Mütter?

Working Mom: „In beiden Schwangerschaften wurde mir gekündigt, und es war ein steiniger Weg, bis ich vor Gericht Recht bekommen habe“

Hilfe, ich bin Mama: Wochenbett, Windelchaos und andere Wahrheiten

Kind statt Karriere – Wenn dich plötzlich der Job Blues packt

Perfekte Mütter – ein Synonym für Intoleranz? Warum ich lieber eine Rabenmutter sein will!

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s

Create a website or blog at WordPress.com

Nach oben ↑

%d Bloggern gefällt das: