Working Mom: „nur 11 % der befragten Personalmanager haben Teilzeitstellen im Angebot.“

Bei Working Mom wird es heute politisch. Als Mutter, selbständige Unternehmerin und Presseverantwortliche des Bundesverbandes der Personalmanager (kurz BPM), sagt uns Silvia Hänig, wo – in Politik und Wirtschaft – es noch Nachholbedarf gibt, wenn es um die Vereinbarkeit von Kindern und Karriere geht. 

Janina: Du bist selbst Mutter, Unternehmerin und engagierst dich im Rahmen Deiner Funktion beim Bundesverband der Personalmanager für die Verbesserung von familienpolitischen Rahmenbedingungen. Woher rührt diese Motivation?

Silvia Hänig ist die Presseverantwortliche des Bundesverbandes der Personalmanager

Silvia: Zum einen, weil ich selbst die Erfahrung gemacht habe, wie schwer es sein kann, den Arbeitgeber vom uneingeschränkten Leistungswillen zu überzeugen. Ich hatte damals eine leitende Marketingposition mit Europa-Verantwortung, ein Job in dem ich aufging. Aber mein Arbeitgeber hatte sich in meiner Abwesenheit längst nach einem Mann umgeschaut, der Vollzeit zur Verfügung stand. Mir wurde viel Geld geboten, um mich aus der Position herauszukaufen. Zum anderen sehe ich, dass es solche oder ähnliche Stolpersteine beim Wiedereinstieg heute immer noch gibt. Es hat sich nicht viel geändert, leider.

Janina: Und wie genau macht sich jetzt der BPM für diese Verbesserungen stark?

Silvia: Dem Verband gehören ca. 4.500 Mitglieder an, die alle Personalverantwortung haben. Diese Stimmen brauchen wir, um beispielsweise der Politik aufzuzeigen, wo genau konkreter Handlungsbedarf besteht, um es den Müttern leichter zu machen.

Janina: Was genau wollt ihr denn beeinflussen?

Silvia: Dass die Gesetze konkret die Situation der Mütter verbessern. Also mehr Kitas sind ja gut und schön, aber wenn den Müttern dann nur wieder Vollzeitstellen zur Verfügung stehen, passt da was nicht zusammen. Außerdem gibt es hier unterschiedliche Geschwindigkeiten: bis die Aufstockung der Kitas in ausreichendem Maße passiert ist, hat sich die Arbeitswelt längst mehrmals um die eigene Achse gedreht.

Janina: Was können denn die Arbeitgeber konkret tun, damit hier eine bessere Übereinstimmung stattfindet? Es gibt ja schon diverse Möglichkeit wie Home-Office-Regelungen, Teilzeit-Modelle etc.

Silvia: Durch den massiven Fachkräfte-Engpass sollten sie sich noch mehr mit der individuellen Situation der Mutter auseinandersetzen. Was möchte sie erreichen? Wie sehen ihre familiären Hintergründe aus? Welche Perspektiven möchte man ihr geben? Gerade im Umfeld digital-orientierter Jobs gibt es häufig kaum Teilzeit-Stellen. Das gibt einer Mutter das Gefühl: hier bin ich gar nicht erwünscht. Obwohl sie sicher die richtigen Fähigkeiten und Qualifikationen mitbrächte.

Janina: Das was Du gerade beschreibst, trifft man auch häufig bei großen Unternehmen an. Einerseits polieren sie ihr Arbeitgeberimage mit Begriffen wie „flexibel“, „modern“ „Frauen-Karrieren“ auf, andererseits haben sie wiederum auch nur Vollzeit im Angebot. Was sagt hier der BPM dazu?

Silvia: Wie eine unserer jüngsten Befragungen gezeigt hat, gibt es bei Teilzeitmodellen noch viel Luft nach oben. Nur ganze 11 Prozent der befragten Personalmanager haben das schon im Angebot. Dabei ist dieses Modell doch eine perfekte Mitarbeiterbindung. Zudem darf man das Angebot nicht immer nur mit jungen Müttern assoziieren. Auch andere Mitarbeiter, die schon länger Vollzeit im Unternehmen arbeiten, brauchen mal eine Auszeit, in der sie sich vielleicht um pflegebedürftige Eltern etc. kümmern müssen. Wenn es dann kein ausgereiftes Teilzeit-Angebot gibt, hat der Arbeitgeber schlechte Karten.

Janina: Über Xing erhalte ich jede Woche ein neues Jobangebot. Wenn ich jedoch sage, dass ich Mutter bin und für das erste Jahr Teilzeit arbeiten möchte, dann winken die Headhunter sofort ab. Wie lange können Unternehmen es sich noch erlauben, Mütter als Fachkräfte zu ignorieren und wie müssen sich Unternehmen aufstellen, damit ihnen dieses Know-how nicht verloren geht?

Silvia: Eigentlich können es sich weder Headhunter noch die Unternehmen selbst noch leisten, erst nach dem idealen Kandidaten in Vollzeit und Festanstellung Ausschau zu halten, und die Teilzeit als „second best“, also für Menschen mit wenig Karriere-Ambitionen, zu betrachten. Beispielsweise durch Learning-Möglichkeiten die der Arbeitgeber finanziert, kann sich die Mutter in Elternzeit weiterqualifizieren und hält so sehr gut den Kontakt zum Unternehmen. Zudem zeugt das auch von Wertschätzung.

Janina: Ich denke, die Stereotypen machen es uns ebenfalls schwer. Eine Mutter verbindet man immer noch stark mit Kita und Küche, anstatt mit Karriere. Wie kann man die Wahrnehmung ändern und zeigen, dass Erfolg von Leistung und nicht von Wochenstunden abhängig ist?

Silvia: Das ist ein Entwicklungsprozess. Niemand legt den Schalter von heute auf morgen um. Und angelernte, eingeübte Verhaltensmuster aufzubrechen, bedarf viel Kommunikation und Energieeinsatz. Ich glaube, die Veränderung wird kommen, je höher die Dringlichkeit wird, mit jungen gut ausgebildeten Müttern zusammenzuarbeiten. Zum einen weil hier auch der gesellschaftliche Druck immer höher wird, zum anderen, weil die Fachkräfte rar werden. Den Müttern kann ich hier nur raten, nicht den Mut zu verlieren und sich immer wieder als kompetente und einsatzwillige Person anzubieten.

Vielen Dank für den tollen Einblick in deine Arbeit beim BPM sowie deine persönlichen Erfahrungen, eine echte Bereicherung für die Kategorie Working Mom. 

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