Working Mom: „Die Benachteiligung von Müttern im Job findet erst dann ein Ende, wenn die Arbeitsbedingungen für Väter genauso flexibel sind.“

Lea wurde aus der Elternzeit zur Redaktionsleiterin befördert. Für Viele ein Traum. Als erste Führungskraft in Teilzeit, eine Herausforderung für beide Seiten. In enger Zusammenarbeit mit Vorgesetzten und Kollegen gelang es, nach einer Findungsphase, neue Prozesse zu etablieren. Ihre Learnings, wie man Management-Aufgaben mit Teilzeit erfolgreich möglich macht, erzählt sie uns im folgenden Interview.

Lea Weitekamp: Gibt 5 Tipps, wie es mit der Karriere in Teilzeit funktioniert!

Janina: Aus der Elternzeit befördert hervorzugehen stelle ich mir ungewöhnlich schwierig vor. Wie habt ihr es geschafft, die Verantwortung einer Management Position auf 30 Wochenstunden zu komprimieren?

Lea: Wir haben ein relativ kleines Team und ich habe mir schon vor meiner Elternzeit viele Aufgaben mit meinem direkten Vorgesetzten, unserem Chefredakteur, geteilt. Vor der Geburt meines Sohnes habe ich sowohl für die Online- als auch für die Printredaktion des t3n Magazins geschrieben – bei einer 50/50-Aufteilung hatte ich also de facto nur 20 Wochenstunden für die Aufgaben im jeweiligen Team. Bei meiner Rückkehr haben wir die Stelle neu zugeschnitten und ich widme jetzt 100 Prozent meiner Arbeitszeit der Printredaktion: unterm Strich ein Gewinn von zehn Wochenstunden. Zusätzlich merke ich, dass viele der Reibungsverluste, die sich früher aus dem ständigen Wechsel zwischen verschiedenen Tätigkeiten – hauptsächlich Schreiben in der Online-Redaktion, eher administrative Arbeiten in der Print-Redaktion – ergeben haben, heute wegfallen und ich meine Arbeitszeit besser nutzen kann. Ich gewinne dadurch auch schneller an Routine und kann nach und nach immer mehr Führungsverantwortung übernehmen.

Janina: Nach der Elternzeit voll durchzustarten ist sicherlich anstrengend. Mit welchen Startschwierigkeiten hattest du beruflich und privat zu kämpfen? Was würdest du heute anders machen?

Lea: Die ersten Wochen waren, rückblickend betrachtet, ziemlich nervenaufreibend. Ich wollte bei der Arbeit direkt Vollgas geben, wurde aber ständig dadurch ausgebremst, dass ich gefühlt nach kürzester Zeit schon wieder den Stift fallenlassen und zur Kita düsen musste. Nachmittags wollte ich dann uneingeschränkt für meinen Sohn da sein, spielen, kuscheln, Zeit verbringen, habe mich dabei aber permanent genötigt gefühlt, etwas gegen den desolaten Zustand unseres Haushalts zu unternehmen, der aufgrund der neuen Taktung in unserem Alltag natürlich völlig brach lag. Dass ich selbst meinen Sohn unglaublich vermisst habe und an der Umstellung von der 24-Stunden-am-Tag-Symbiose auf die wenigen Stunden am Nachmittag und Abend ganz schön zu knabbern hatte, habe ich vor allem in der Nacht gemerkt: unsere Mondschein-Kuscheleinheiten brauche ich seitdem mindestens so sehr wie er, und das ist bis heute so.

Wenn ich das Ganze noch einmal von vorne angehen könnte, würde meine Maxime wohl lauten: den Ausnahmezustand akzeptieren! Nach einer turbulenten Übergangsphase haben sich bei uns neue Routinen etabliert und wieder Ruhe in den Alltag gebracht. Das wäre wahrscheinlich auch passiert, wenn ich mich nicht so abgehetzt hätte – ganz von selbst. Dass alles von Tag eins an wunderbar glatt läuft, erwartet niemand, also sollte man es auch nicht von sich selbst erwarten.

Janina: „Mütter sind oft krank und nachmittags nie da, die können keinen anspruchsvollen Job machen“. Kennst du solche Vorurteile aus dem Alltag und wie gehst du damit um?

Lea: Zum Glück hat mich bisher niemand mit so einem Unfug konfrontiert – weder beruflich noch privat. Dass ich ohne anspruchsvolle Aufgaben im Job nicht glücklich bin, wissen sowohl meine Familie und Freunde als auch meine Kollegen. In den Gesprächen mit meinem Arbeitgeber habe ich schon während der Schwangerschaft betont, dass ich nach der Elternzeit genau da weitermachen will, wo ich aufgehört habe. Dass ich das packen würde, haben meine Vorgesetzten zu keinem Zeitpunkt bezweifelt. Und ich denke, seit ich wieder im Job bin, stelle ich das auch unter Beweis.

Janina: „Beide können nicht Karriere machen!“ ist ein beliebtes Totschlagargument. Gab es bei euch zuhause jemals die Überlegung, das klassische Modell zu fahren?

Lea: Klassisch nicht im herkömmlichen Sinn. Tatsächlich haben wir, bevor wir Nachwuchs erwarteten, eher diskutiert, ob mein Mann einen Großteil der Kinderbetreuung übernehmen sollte. Er war zu diesem Zeitpunkt nicht sehr glücklich in seinem Job – ich in meinem aber schon. Letztlich habe ich aber doch den Großteil der Elternzeit übernommen: Ich wollte mir die Zeit mit unserem Baby nicht nehmen lassen, er hatte zwischenzeitlich einen besseren Job gefunden. Trotzdem war vor dem Hintergrund dieser Diskussion klar, dass nach der Pause auch meine Karriere wieder wichtig sein würde.

Janina: Arbeitgeber betrachten den Vater meist als klassischen Vollverdiener, der familiär wenig bis kaum Verpflichtungen trägt. Wie wirkt sich deine flexible Situation als Working Mom auf die familieninterne Aufgabenverteilung aus?

Lea: Zu Diskussionen kommt es vor allem dann, wenn die Familie mehr Zeit beansprucht als üblich, etwa, wenn unser Sohn krank ist oder Kita-Schließzeiten ausgeglichen werden müssen. Da ist es natürlich von Vorteil, dass ich auch mal spontan ins Homeoffice wechseln, Stunden am Wochenende nachholen und ganz generell auf das große Verständnis meiner Firma für familiäre Verpflichtungen vertrauen kann. Man könnte die Sache aber auch pessimistisch betrachten und sagen: gerade dieses vorbildliche, die Work-Life-Balance ernst nehmende Arbeitsverhältnis wird mir zum Verhängnis. Denn dank meiner Flexibilität werde immer ich diejenige sein, die in Ausnahmesituationen die Familienarbeit übernimmt – Führungsposition hin oder her. Es ist schlichtweg das Einfachste für uns als Familie. Ich glaube deshalb, dass die Benachteiligung von Müttern im Job erst dann wirklich ein Ende findet, wenn die Arbeitsbedingungen für Väter genauso flexibel sind. Denn ansonsten wird der Druck, den manche Arbeitgeber leider aufbauen (Einsatz, Präsenz, Überstunden!), einfach nur in die Familien verschoben. Die Ungleichheit zwischen den Partnern bleibt bestehen und ihre Beziehung wird zusätzlich belastet.

Janina: Welche Tipps kannst du Führungskräften geben, die zukünftig Teilzeit arbeiten möchten, damit dieser Schritt funktioniert?

Lea: Ich denke man sollte sich Zeit geben, um die individuell am besten passenden Rahmenbedingungen zu auszuloten. Mir hat es dabei enorm geholfen, ganz oft und regelmäßig Rücksprache mit meinen Kollegen zu halten: Womit sind sie, womit bin ich noch nicht hundertprozentig glücklich? Wie könnte man das verändern? Was haben die Maßnahmen, die wir im letzten Gespräch beschlossen haben, gebracht? Gerade in Übergangsphasen sollte es ruhig häufig Entwicklungsgespräche geben.

Außerdem muss man auf jeden Fall offen dafür sein, Arbeit zu teilen, und verschiedene Varianten dieser Arbeitsteilung erproben. Bei uns in der Redaktion beispielsweise gibt es heiße Phasen, in denen das Team den ganzen Tag über einen festen Ansprechpartner braucht, der schnell auf Fragen reagiert. Einen Chef vom Dienst quasi. Nach einigem unbefriedigenden Hin und Her – ich habe zunächst erfolglos versucht, das alleine zu wuppen – haben wir festgelegt, dass ich diese Rolle vormittags einnehme, unser Chefredakteur Luca nachmittags. Das erfordert Transparenz und eine gute Abstimmung, klappt aber erstaunlich gut. Damit auch das Team immer genau weiß, wer jetzt gerade „in charge“ ist, haben wir zusätzlich ein Schild gebastelt.

Ohnehin ist eine klare Kommunikation extrem wichtig. Ich habe mittlerweile einen farblich abgesetzten Hinweis auf meine Bürozeiten in meinem E-Mail-Abbinder, damit meine Kontakte sich nicht wundern, wenn sie nachmittags kein Feedback auf ihre Anliegen bekommen. Auch für unseren internen Messenger will ich diese Art „Abwesenheitsnotiz“ noch einführen – bei 70 Kollegen in verschiedenen Büros kann ich nicht von allen erwarten, dass sie meine Arbeitszeiten kennen, aber ich kann dafür sorgen, dass sie nicht vergeblich auf Antwort warten.

Und: Man sollte die eigenen Erfolge ganz aktiv sichtbar machen. Egal wie wohlwollend das berufliche Umfeld ist, nicht jeder Kollege bekommt alles mit. Je größer das Unternehmen, desto schwieriger wird es, mit seinen Erfolgen präsent zu sein – und wer nicht Vollzeit vor Ort ist, ist zusätzlich im Nachteil. Damit die eigene Leistung nicht untergeht und die Karriere ins Stocken gerät, sollte man also gegensteuern und sich immer wieder selbstbewusst ins Gespräch bringen.

Janina: danke für die tollen Tipps und in deine persönlichen Einblicke!

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9 Kommentare zu „Working Mom: „Die Benachteiligung von Müttern im Job findet erst dann ein Ende, wenn die Arbeitsbedingungen für Väter genauso flexibel sind.“

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  1. „Die Benachteiligung von Müttern im Job findet erst dann ein Ende, wenn die Arbeitsbedingungen für Väter genauso flexibel sind.“
    Jupp, das passt so. Praktischerweise sind die gleichen Leute die gegen Gleichberechtigung sind auch gegen das aufweichen ihrer „Männerrolle“. Es ist schließlich eines der letzten Argumente das sie noch haben.

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    1. Eine traurige Sichtweise, wieso sollte das dass letzte Argument von Männern sein? Gibt es nicht mehr als eine Vollzeitstelle, die einen Mann ausmacht? Integrität, Humor, Charakter, Ehrgeiz, Vater, Freund, etc. ..?

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  2. Interessanter Artikel, jedoch finde ich den Titel diskriminierend. Er sollte wohl eher Working Parent heißen. Es gibt schließlich auch alleinerziehende Väter. Damit wirkt der Artikel wie ein typischer Frauen sind nachbeteiligt Artikel, was wiederum nicht zum Thema passt. MfG.

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  3. Dieses ganze Karriere-Gedöns lässt immer – wirklich IMMER – außen vor, dass es gesellschaftlich und politisch auch an der Zeit wäre, einfach mal ins Orginal – die Mutter – zu investieren, so würden viele Reibungspunkte mit Arbeitgeber & Co. wegfallen. Denn nicht jede Frau will, wie die Frau im Interview (sofort wieder) die große Karriere starten. Nehmen Sie doch mal die Expertin Birgit Kelle,auch Journalistin und 4fach-Mutter) in Ihre Interview-Reihe, die vertritt nämlich diese These – siehe hier: https://frauenpanorama.de/muttertier-von-birgit-kelle-kampfansage-an-fiese-muetterfluesterinnen/

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    1. Danke Anne für deine Sichtweise. In meiner Reihe geht es aber nun mal um Frauen, die gerne sofort wieder einsteigen wollen und denen dies manchmal schwer gemacht wird.

      Seinen Link habe ich gelesen. Finde den Artikel ziemlich polatisierend. Die Autorin verurteilt quasi Frauen, die nicht „nur Mutter“ -wie sie es selbst nennt- sein wollen. Das finde ich schade! Jeder sollte den Weg gehen, den er für richtig hält. Uns sind wir mal ehrlich, wie viel Prozent starten danach die große Karriere? Lea aus dem Artikel ist sicherlich eine Ausnahme. Mir geht es darum, dass es aber Frauen möglich gemacht werden sollte, die sich eben beides wünschen, Kind und Beruf.

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    2. „Denn nicht jede Frau will, wie die Frau im Interview (sofort wieder) die große Karriere starten.“
      Woher kommt diese seltsame Ansicht Emanzipation würde Frauen in die Karriererolle zwingen?
      Bei Gleichberechtigung geht es um die gesellschaftlich anerkannte Wahlmöglichkeit. Nicht mehr. Nicht weniger.

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  4. Die „Benachteiligung“ von Müttern im Job endet wenn… Frauen Partner wählen die weniger erfolgreich sind und weniger verdienen als Sie. Da meist der Partner zuhause bleibt der weniger Geld heimbringt (Effizienz ist für die meisten Menschen die nicht Teil der globalen Elite sind, wie Frau Weitekamp hier, eminent wichtig). Und wann werden Frauen Ingenieurswesen statt Gender studies oder „was mit Medien“ studieren UND einen Schwächeren zu dem Sie nicht aufsehen können als Partner akzeptieren? Niemals, nie, never. Selbst Janina hier, aus „Janinas Welt“ macht das vor. Also viel Glück

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