Teilzeit Dad: Ein Interview über Gleichberechtigung und Vorbilder

Väter in Teilzeit gibt es selten. Philipp ist einer davon. Ich freue mich riesig, dass wir in der Kategorie Working Mom einen kleinen Perspektivenwechsel vornehmen können. Im heutigen Interview geht es um die Frage: Wie lebt man Gleichberechtigung im Alltag, wie flexibel müssen Arbeitgeber sein und was bedeutet elterliche Vorbildfunktion. 

Janina: Elternzeit bedeutet für Männer meistens, dass sie gemeinsam mit der Familie in einen langen Urlaub gehen. Mit Care-Arbeit hat das nicht viel zu tun. Wieso hast du dich gegen diesen Trend entschieden?

Philipp Hormel: „Die meisten Menschen sind im Kopf noch nicht so weit, die alte Rollenverteilung zu hinterfragen und fortschrittlicher zu denken.“

Philipp:Mir war es wichtig, dass meine Elternzeit direkt nach der Geburt unseres Kindes beginnt. Zum einen passiert in dieser Zeit so viel Neues und ich wollte dabei sein, wenn wir unser Kind willkommen heißen. Zum anderen wollte ich mich gemeinsam mit meiner Freundin in das Abenteuer Kind stürzen und lernen, wie man am besten mit dem Kind umgeht. Wir konnten uns gegenseitig unterstützen und haben dadurch ein gemeinsames Verständnis für den Umgang mit dem Baby entwickelt. Das fängt bei so banalen Themen wie dem Windeln wechseln an: Da gibt es kein „Du machst das immer falsch“, dadurch dass wir uns das gemeinsam erarbeitet haben.

 Janina: Ihr habt euch nicht nur die Elternzeit, sondern auch die Arbeitszeit 50:50 aufgeteilt. Sprich mit 7 Monaten seid ihr beide wieder (abwechselnd) arbeiten gegangen. Hat dieses Modell funktioniert?

Philipp: Ja, das hat sehr gut funktioniert. Wir konnten unsere Arbeitszeiten so einteilen, dass wir uns mittags das Kind übergeben konnten und am Freitag sogar einen Tag gemeinsam mit dem Kind verbringen konnten. Das so ein Modell funktioniert hängt sicherlich stark von den Möglichkeiten ab, die einem der Arbeitergeber bietet. Meine Freundin ist als Lehrerin durch ihren Stundenplan stark eingeschränkt und wenig flexibel. quäntchen + glück, die Agentur, für die ich arbeite, bietet die Möglichkeit sich die Arbeitszeit frei einzuteilen. Das hat enorm geholfen.

Janina: Eine Familie zu gründen ist für viele Paare eine finanzielle Herausforderung. Somit können sich viele nicht leisten ein 50:50-Modell zu fahren. Hast du Tipps, wie sich Paare hier aufstellen können, damit es gerechter zu geht?

Philipp: Das ist leider ein strukturelles Problem des Elterngeldes und der Lohnverteilung der beiden Elternteile. Einfacher wird es, wenn man vorher ein wenig Geld gespart hat und ähnliche Gehälter bekommt. Durch die längere Auszeit oder eine Teilzeittätigkeit sollte kein Nachteil im Lebenslauf des Einzelnen entstehen. Da sehe ich die Verantwortung ganz klar bei den Arbeitgebern. Diese müssen die Voraussetzungen dafür schaffen. Wenn es nur ums Geld gegangen wäre, hätte ich 12 Monate zuhause bleiben und meine Freundin Vollzeit arbeiten müssen. Soll heißen: Man muss ich sehr bewusst dafür entschieden.

Janina: Du bist in der Elternzeit vom Angestellten zum selbstständigen Gesellschafter in deiner Agentur geworden. Die perfekte Lösung, um flexibel zu arbeiten. Sind solche Absprachen Glücks- oder Verhandlungssache?

Philipp: Die Möglichkeit vom Angestellten zum Gesellschafter zu werden hat sich unabhängig von der Elternzeit ergeben. An der Flexibilität hat sich dadurch nichts geändert. Bei uns hat jeder Mitarbeiter und Gesellschafter die gleichen Möglichkeiten, was die Flexibilität der Arbeitszeit angeht. Der Übergang war für mich fast nicht spürbar, außer dass durch den Wechsel auch die Verantwortung gestiegen ist. Aber die ist ja neun Monate vorher, mit der Geburt unseres Kindes, sowieso schon gestiegen.

Janina: Gab es einen Plan B, wenn obiges Szenario nicht funktioniert hätte?

Philipp: Die Flexibilität war ja auch schon vorher da. Und da zum gleichen Zeitpunkt auch einer meiner Mitgesellschafter Vater geworden ist und ein sehr ähnliches Modell mit seiner Frau gewählt hat, wurde mir vorgelebt dass es funktioniert. Einen wirklichen Plan B haben wir nicht erarbeitet, aber ich glaube, dass wir sicherlich auch mit anderen Voraussetzungen Möglichkeiten gefunden hätten, ein faires Modell zu finden.


Janina: Als Teilzeit-Dad hast du sicherlich (noch mehr) Zeitdruck, als davor. Wie beeinflusst das dein tägliches Arbeiten?

Philipp: Meine Arbeit ermöglicht es mir meistens meine Arbeit so zu verteilen, dass der Zeitdruck nicht zu groß wird. Klar, muss man in so einem Teilzeitmodell einiges mehr organisieren und gut miteinander kommunizieren. Das Organisieren lernt man mit der Zeit jedoch sehr gut. Vor allem, wenn unvorhergesehene Dinge, wie z.B. Krankheit, einen Strich durch die Planung machen. Auch hier spielen Arbeitgeber eine wichtige Rolle. In der Agentur beschäftigen wir uns schon sehr lange damit, wie wir die persönlichen Bedürfnisse mit den Abstimmungsbedürfnissen der Projekte in Einklang bringen. Unser neuestes Modell: Der Schontag. Wir sind montags für keine Kunden zu erreichen und planen interdisziplinär unsere gesamte Woche. Dies ermöglicht es uns Absprachen und Unterbrechungen zu reduzieren und somit auch den Zeitdruck zu dezimieren.

Janina: Wie kommt euer 50:50-Modell im Bekanntenkreis an?

Philipp:Ich habe natürlich des Öfteren erzählen müssen, wie wir das nun genau machen und wie das alles so funktioniert. Ich habe jedoch selten zu hören bekommen: „Cool, dass würde ich dann genauso machen“. Was ist wirklich schade finde. Meine Freundin musste sich öfters anhören, wie man „nur so früh schon wieder anfangen könnte zu arbeiten“. Ich habe das nicht einmal gehört. Das ist sehr befremdlich. Die meisten Menschen sind im Kopf noch nicht so weit, die alte Rollenverteilung zu hinterfragen und fortschrittlicher zu denken.

Janina: Eltern sind vor allem auch Vorbilder. Die Beziehungen unserer Kinder werden sich längst von der klassischen Rollenverteilung gelöst haben. Hat das in euren Überlegungen zur Arbeitsteilung eine Rolle gespielt?

Philipp: Ich bin mir bewusst, dass wir als Elternteil einen großen Einfluss auf unsere Kinder haben. Es wird sich für unser Kinder noch viel natürlicher anfühlen gleichberechtigte Beziehungen zu führen, wenn schon im eigenen Elternhaus Gleichberechtigung gelebt wird.
Noch heute sehe ich in meinem Umfeld Frauen, die nicht wieder arbeiten gehen, da es sich finanziell für sie nicht lohnt (zu niedrige Löhne, Ehegattensplitting). Männer, die nicht möchten, dass ihre Söhne mit Puppen spielen und eine Pullover tragen, auf dem ein pinkes Element abgedruckt ist. Oder Menschen, die gerne mehr arbeiten würden, aber keine passende Kinderbetreuung finden.

Solange das so ist, glaube ich, dass es noch mehr als eine Generation braucht bis die klassische Rollenverteilungen hinfällig ist.

Janina: Vielen Dank für deine Working-Dad-Perspektive und die offenen Antworten.

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